Eiersuche im Herbst


von Stefan Meisberger

Nun neigt sich ein weiterer Jahrhundertsommer dem Ende zu, und mit dem Beginn des meteorologischen Herbstes und merklich kühleren Temperaturen nimmt auch die Zahl der beobachtbaren Tagfalter ab.

Trotzdem lohnt es sich noch, aktuell nach ausgewachsenen Schmetterlingen, den sog. „Imagines“, aber auch nach ihren „Präimaginalstadien“ Eier, Raupe und Puppe zu suchen.

Das habe ich am 12.09. am südlichen Rand von Euskirchen ausprobiert und mich zum Rückhaltebecken des Mitbaches aufgemacht. Dort bieten eine blütenreiche, nur einmal im Jahr gemähte Wiese, das Schotterpaket der Ringdrainage und der randliche feuchte Graben mit Hochstauden- und Röhrichtvegetation gute Voraussetzungen für bemerkenswerte Falterfunde.

Schon am Treppenniedergang ins Becken sehe ich ein perfektes Eiablagehabitat für den Sonnenröschen-Bläuling (Aricia agestis): Er macht hier seinem Namen keine Ehre und legt seine Eier an Exemplaren des Weichen Storchenschnabel (Geranium molle) ab, die teilweise schon reichlich vertrocknet an offenen Bodenstellen dahindarben. Dabei macht der Sonnenröschen-Bläuling keinen Unterschied zwischen Blattunter- und -oberseite des Storchenschnabels. Von dem guten Dutzend hier vorkommender Einzelpflanzen ist mehr als die Hälfte reichlich belegt. Schon mit einer guten Lupe lassen sich einige Details erkennen, ihre wahre Pracht entfalten die Eier dann unter dem Mikroskop bei 30- bis 50facher Vergrößerung. Und sogar eine Raupe räkelt sich neben einer leeren Eihülle.

Von den Faltern des Sonnenröschen-Bläulings, die noch vor Tagen hier reichlich unterwegs waren, ist heute übrigens weit und breit nichts mehr zu sehen.

Typisches Eiablagehabitat des Sonnenröschen-Bläulings: Warme, schütter bewachsene Böschung mit Exemplaren des Weichen Storchenschnabels. Bei genauem Hinsehen sind auf diesem Bild schon mindestens zwei Bläulingseier aufzustöbern. (Foto: Stefan Meisberger)

So sieht ein Ei des Sonnenröschen-Bläulings unter dem Mikroskop bei ca. 40facher Vergrößerung aus. Deutlich erkennt man den dunklen Bereich in der Mitte, die sog. Mikropyle und die für Bläulingseier typische Wabenstruktur. (Foto: Stefan Meisberger)

Leere Eihülle des Sonnenröschen-Bläulings mit dazugehöriger Jungraupe. (Foto: Stefan Meisberger)
Der zugehörige Falter: Weibchen des Sonnenröschen-Bläulings. (Foto: Stefan Meisberger)

Auf der Sohle des Rückhaltebeckens angekommen, trotte ich zunächst langsam am unteren Böschungsrand entlang und suche nach Exemplaren des Gewöhnlichen Hornklee (Lotus corniculatus), die auf der nur schütter bewachsenen Ringdrainage des Beckens gedeihen. Schon nach wenigen Sekunden finde ich ein Schmetterlingsei, aber nicht wie erwartet vom Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus), sondern vom Postillon (Colias croceus) bzw. der Goldenen Acht (Colias hyale), zweier verwandter Wanderfalter, die gerade eben auch als Falter an mir vorbeigesaust sind. Die Eier der beiden Arten sind nicht voneinander unterscheidbar, da muss man dann schon die Raupen großziehen.

Das orange-violette Ei sieht völlig anders aus als das des Sonnenröschen-Bläulings: Deutlich größer weist es das typische Merkmal der Familie der Weißlinge auf, zu der Postillon und Goldene Acht gehören: die Spindelform.

Gewöhnlicher Hornklee über bodenoffener Stelle an der Ringdrainage des Rückhaltebeckens: Perfektes Eiablagehabitat für mehrere verschiedene Tagfalterarten. (Foto: Stefan Meisberger)
Typisches spindelförmiges Ei des Postillon oder der Goldenen Acht an Gewöhnlichem Hornklee bei ca. 15facher Vergrößerung. (Foto: Stefan Meisberger)
Das gleiche Ei aus anderer Perspektive bei ca. 40facher Vergrößerung. (Foto: Stefan Meisberger)

Nur wenige Meter neben dem Weißling-Eis finde ich nun endlich auch ein Ei des Hauhechel-Bläulings: Nicht wie erwartet an Gewöhnlichem Hornklee, sondern an Hopfenklee (Medicago lupulina).

Ei des Hauhechel-Bläulings an Hopfenklee bei ca. 20facher Vergrößerung. (Foto: Stefan Meisberger)
.Auch hier der zugehörige Falter: Weibchen des Hauhechel-Bläulings (Foto: Stefan Meisberger)

Viele Bläulingsarten sind übrigens nicht zufällig so wild auf Schmetterlingsblütler wie den Horn- oder den Hopfenklee: Da die Schmetterlingsblütler in Symbiose mit Knöllchenbakterien leben, sind sie in der Lage, Luftstickstoff aufzunehmen. Der Stickstoff ist ein wichtiger Bestandteil der Aminosäuren und damit der Körperproteine, die die Schmetterlinge aufbauen müssen. Folglich sind Schmetterlingsblütler besonders nahrhaft für die Raupen zahlreicher Bläulingsarten. Die Feinschmeckerraupen einiger Arten gehen sogar soweit, dass sie sich ausschließlich von den Blüten von Schmetterlingsblütlern ernähren. Ein Beispiel dafür ist der Zwergbläuling (Cupido minimus), dessen Raupen fast ihr ganzes Leben in den Blüten des Wundklee (Anthyllis vulneraria) verbringen. Auch die Bevorzugung von Pflanzen an bodenoffenen Stellen ist nicht zufällig: Diese weisen ein besonders warmes Mikroklima auf, was eine schnelle Entwicklung der Raupen begünstigt.

Zu guter Letzt finde ich auf meinem Weg am Rande des Rückhaltebeckens an mickrigen Pflanzen der Wilden Möhre (Daucus carota) noch zwei Raupen einer besonders prominenten Tagfalterart: des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon). Das grell-orangene Punktmuster dient übrigens der Abschreckung von Fressfeinden, getreu dem Motto: Wer so auffällig daherkommt, hat es nicht nötig, sich zu tarnen, weil er entweder schlecht schmeckt, oder schlimmer noch, weil er giftig ist.

Schwalbenschwanzraupe an Wilder Möhre (Foto: Stefan Meisberger)

Fazit meines kleinen Ausflugs zum Rückhaltebecken, der kaum eine Stunde gedauert hat: Es gibt auch im Herbst noch viele Schmetterlinge zu bestaunen, und wenn nicht als Falter, dann doch zumindest als Ei oder Raupe.

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